Patientenpräferenzen bei Informationen zu Wirkungen und Nebenwirkungen „...es könnte sein, dass der Patient, bevor er den Packzettel zu Ende gelesen hat, verstorben ist"
In der Studie „Patientenpräferenzen" wird untersucht, welche Informationen über ihre Medikamente Patienten wünschen und wie diese Informationen ihrer Meinung nach dargestellt werden sollen. In sechs Gruppen von je 5-7 Personen werden Patienten mit Diabetes mellitus, Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten zu ihren Meinungen und Gefühlen im Umgang mit der Packungsbeilage befragt. Die wichtigsten angesprochenen Themen werden anschließend in verschiedenen Ausführungen bei einer Straßenbefragung an 1000 Personen auf Ihre Wichtigkeit hin überprüft. Dazu werden Muster-Packungsbeilagen erstellt, die sich jeweils in wenigen Punkten unterscheiden (z.B. schwarz-weiß oder bunt, Angabe aller Nebenwirkungen oder nur der häufigen). Diese werden den Testpersonen paarweise im Vergleich vorgelegt. Die Testperson wählt daraus jeweils die bevorzugte Alternative. Aus den Ergebnissen der Straßenbefragung werden ergänzende Medikamentenbroschüren erstellt, die zusätzlich zur Packungsbeilage an Patienten ausgeteilt werden. In einem dritten Schritt werden diese Broschüren in Hausarztpraxen auf ihre Wirkung bei Patienten untersucht. Ziel ist es schriftliche Medikamenteninformationen an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen, dadurch das Wissen über ihre Medikamente zu erhöhen und die Therapie zu verbessern.
Verena Mülders1, Oliver R. Herber2,3, Stefan Wilm2, David Schwappach4, Petra A. Thürmann1,5
1 Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie,
2 Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin und
3 Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke,
4 Stiftung für Patientensicherheit, Zürich,
5 Philipp Klee-Institut für Klinische Pharmakologie, Helios Klinikum Wuppertal
Hintergrund:
Die Darstellung des Nutzens sowie potenzieller Risiken von Arzneimitteln stellt einen wesentlichen Faktor für die Partizipation der Patienten bei der Therapieentscheidung dar. Neben der mündlichen Aufklärung durch den Hausarzt dient hierzu die Packungsbeilage. Diese wird von vielen Patienten als zu lang und unverständlich empfunden und führt bei einem Viertel der Befragten dazu, dass ein verordnetes Medikament nicht eingenommen wird. Bisher gibt es in Deutschland nur wenige Untersuchungen darüber, welche Informationen Patienten zu ihren Medikamenten wünschen und welche Art der Darstellung dieser Information sie präferieren.
Ziele:
In einem zweistufigen Verfahren werden die für Patienten wesentlichen Merkmale einer schriftlichen Information untersucht und in ihrer relativen Bedeutung quantifiziert. Anhand der gewonnenen Ergebnisse werden Musterbroschüren gestaltet und diese prospektiv randomisiert an Patienten in Allgemeinarztpraxen getestet. Hier gilt die Hypothese, dass Patienten, welche diese Broschüren zu ihrer Medikation erhalten, mehr über ihre Medikamente wissen (Hauptzielgröße), zufriedener sind und eine höhere selbst berichtete Adhärenz aufweisen im Vergleich zu Patienten der Kontrollgruppe.
Methoden:
In 6 Fokusgruppen mit Patienten aus Hausarztpraxen, die an Diabetes mellitus, Hypertonie und/oder Hypercholesterinämie erkrankt sind, wurden zunächst deren Wünsche in Bezug auf eine schriftliche Arzneimittelinformation erfasst. Die aus den Interviews gewonnenen Attribute (z.B. Nebenwirkungen) sowie deren Ausprägungen (z.B. alle vs. die häufigsten Nebenwirkungen) wurden in einem zweiten Schritt in einer quantitativen Präferenzmessung an 1000 Personen über 50 Jahre in einer Straßenbefragung überprüft, um die relative Bedeutung einzelner Attribute und ihrer Ausprägungen zu analysieren. Die als wichtig bzw. patientenfreundlich erkannten Merkmale von Patienteninformationen wurden als Grundlage zur Erstellung von zehn ergänzenden Medikamentenbeilagen verwendet. Diese sollen prospektiv randomisiert bei ca. 420 Patienten in ca. 30 Allgemeinarztpraxen evaluiert werden. Der primäre Zielparameter Patientenwissen wird einen Monat nach Erhalt der Information in der Interventions- und Kontrollgruppe überprüft. Eine Nachhaltigkeitsmessung erfolgt nach drei und nach sechs Monaten.
Ergebnisse und aktueller Stand:
Die Fokusgruppeninterviews zeigten, dass Packungsbeilagen bei den Befragten emotionale Reaktionen wie Angst, Zweifel, Unsicherheit und Unzufriedenheit auslösen, die unterschiedliche Handlungsreaktionen zur Folge haben. Während einige Befragte nach dem Lesen der Packungs-beilage das Medikament nicht mehr einnehmen, suchen andere Unterstützung, um sich den Inhalt erklären zu lassen, oder sie konsultieren zusätzliche Fachbücher. Viele Patienten wünschen sich gut lesbare, optisch ansprechende und kurz gefasste Packungsbeilagen. Wichtig sind ihnen insbesondere die Verwendung einfacher Worte zur Erklärung sowie die farbliche Hervorhebung wichtiger Informationen, wie z.B. schwerer Nebenwirkungen. Auch der Wunsch nach Zusatzinformation auf CD oder im Internet wurde geäußert.In der Präferenzmessung bei 1000 Personen bevorzugten die Befragten farbige Broschüren, eine kurze Zusammenfassung sowie allgemeine Gesundheitstipps zur Unterstützung der Therapie. Die Präferenzen der Teilnehmer waren abhängig von Alter und Bildungsgrad; es zeigten sich keine signifikanten Zusammenhänge zum Geschlecht. Ältere Probanden zeigten eine stärkere Präferenz für weniger Information im Vergleich mit jüngeren. Probanden mit höherem Bildungsgrad wünschten sich mehr Information sowie Handlungsanweisungen beim Auftreten von Nebenwirkungen.Für den RCT konnten insgesamt 462 Patienten aus 26 Hausarztpraxen rekrutiert werden. Derzeit erfolgt die telefonische Befragung der Patienten bezüglich Patientenwissen, Zufriedenheit und Adhärenz anhand standardisierter Fragebögen. Ein Abschluss der Befragung wird im Juni 2011 erwartet.
Publikationen aus dem Projekt „Patientenpräferenzen“
Schriftpublikationen
- Schwappach DLB, Mülders V, Simic D, Wilm S, Thürmann PA: Is less more? Patients’ preferences for drug information leaflets. Pharmacoepidemiol Drug Saf 2011; 20: 987-995.
Tagungs-/ Kongressbeiträge
- Mülders V, Herber O, Wilm S, Schwappach D, Thürmann PA: Patientenpräferenzen bei Informationen zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln.
Vortrag beim 3rd German Pharmacovigilance Day, Berlin, 2008
- Herber OR, Mülders V, Wilm S, Thürmann PA: „…es könnte sein, dass der Patient, bevor er den Packzettel zu Ende gelesen hat, verstorben ist“ – Zur Weiterentwicklung von Packungsbeilagen aus Patientensicht. Z f A 2009 (Abstract Supplement): 108 (Abstr. WS 221)
- Wilm S, Simic D, Patientenpräferenzen bei Informationen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln, 9. Jahrestagung "Consumer Health Care". Thema: Patientenorientierte Kommunikation - Erwartungen, Nutzen und Risiken", Charité Universitätsmedizin Berlin und dem Verein Consumer Health Care e.V., Berlin, 2009
- Mülders V, Herber OR, Wilm S, Schwappach D, Thürmann PA: Patients`preferences for written information about effects and undesirable side effects of drugs. Br J Clin Pharmacol 2009; 68 (Suppl): 46 (Abstr. 86) 11. Jahreskongress für Klinische Pharmakologie, Heidelberg, 22.-24.10.2009
- Thürmann PA: Patientenpräferenzen bei der Packungsbeilage
BfArM im Dialog Bonn;14.04.2010
- Simic D, Mülders V. Was Sie schon immer über Beipackzettel wissen wollten – Studie ermittelt Patientenwünsche. Die Ersatzkasse. 2010; 90: 112-113
- Thürmann PA, Mülders V, Simic D, Herber O, Schwappach D, Wilm S: Focused conference group: P04 – Pharmacoepidemiology, current controversies and opportunities patients preferences for written information about effects and undesirable side effects of drugs. Basic Clin Pharmacol Toxicol 2010; 107 (Suppl. 1) Paper No. 2894
- Mülders V, Simic D, Wilm S, Schwappach D, Thürmann PA. Patients‘ preferences for written information about effects and undesirable side effects of drugs, Tagungsband DPhG Jahrestagung 2010, Personalisierte Therapeutika – Traum oder Wirklichkeit, Braunschweig, 04.-07.10.2010, 2010; ISBN: 978‐3‐927115‐66‐8, P222, 141
- Simic D, Mülders V, Herber O, Wilm S, Schwappach D, Thürmann PA. Was Patienten wissen wollen – eine Neugestaltung der Packungsbeilage aus Patientensicht. Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 2010, 86 (Suppl.), 60
- Simic D, Mülders V, Schwappach D, Thürmann P, Wilm S. Patientenpräferenzen bei der Darstellung von Informationen zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln: Haben patientengerechte Broschüren einen Nutzen? 45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Salzburg, Österreich, 2011, 38 (Suppl.), 39
- Mülders V, Simic D, Wilm S, Schwappach D, Thürmann PA: Was Patienten wissen wollen – Patientenpräferenzen bei schriftlichen Informationen über Arzneimittel.
Krankenhauspharmazie 32: 47 (Abstr); 2011
2. Kongress für Arzneimittelinformation, Köln 2011
- Wilm S, Simic D, Mülders V, Schwappach D, Thürmann PA. Zeigen patientengerechte Broschüren mit Darstellung von Informationen zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln im RCT einen Nutzen?
10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf250. DOI: 10.3205/11dkvf250, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf2502
- Mülders V, Schwappach D, Simic D, Wilm S, Thürmann PA. Was Patienten wissen wollen – Patientenpräferenzen bei schriftlichen Arzneimittelinformationen. Internationaler Kongress für Patientensicherheit – avanti! Fortschritte!?... im 2. Jahrzehnt des 3. Jahrhunderts, Basel, Schweiz, 29./30.11.2011, 2011, 94 (Suppl.), 63
Wissenschaftliche Auszeichnung
- Mülders V, Simic D, Wilm S, Schwappach D, Thürmann PA. 1. Posterpreis: Patientenpräferenzen bei schriftlichen Arzneimittelinformationen. 2. Kongress für Arzneimittelinformation. Der Apotheker als Wissensmanager – mehr Sicherheit für Arzt und Patient. Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA), Köln, 2011
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